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09.11.2018

Auf den Spuren jüdischer Vorfahren

Familie Dimor aus Israel zu Gast in Korbach

Sie haben eine lange Anreise von Tel Aviv nach Korbach zurückgelegt. In der Hansestadt Korbach lebten die Vorfahren von Michael Dimor. Der Urgroßvater Michael
Kugelmann (Handelsmann) erwarb 1879 ein Haus in der Korbacher Stechbahn, wo auch seine Großmutter – Helene Kugelmann – zur Welt kam. Nach ihrer Heirat ging sie nach Vöhl, bevor sie mit ihren beiden Kindern Anfang der 1920er Jahre nach Korbach zurückkehrte und zu ihrem Bruder in die Lengefelder Straße 9 zog, wo er eine Metzgerei betrieb. 1934 und 1935 musste ein Teil der Familie vor dem zunehmenden Naziterror flüchten, obgleich die Familie über Generationen in Waldeck-Frankenberg lebte. Doch nicht allen gelang die Flucht.

Bürgermeister Klaus Friedrich begrüßte die Familie während ihres Aufenthalts in Korbach. Dr. Marion Lilienthal von der Alten Landesschule erinnerte bei der Begrüßung der Familie im Korbacher Rathaus an die Geschichte der Vorfahren, die Deutschland verlassen mussten. „Was für ein Schmerz, nicht mehr in Deutschland gewünscht zu sein, nur weil sie Juden waren“, so Frau Dr. Lilienthal.

Es ist ein Zeichen der Versöhnung und Völkerverständigung, wenn heute Familienangehörige Korbach besuchen, trotz all der fürchterlichen Ereignisse, erklärte Bürgermeister Klaus Friedrich. „Wiedergutmachen können wir das Unrecht nicht, aber wir können stets daran erinnern und die kommenden Generationen vor den Gefahren von Rassismus und Nationalismus warnen.“

Zum Abschluss bat Bürgermeister Klaus Friedrich die Familie, sich in das Gästebuch der Stadt einzutragen: „Zur sichtbaren Erinnerung und als Zeichen der Wertschätzung und Anteilnahme.“ Es folgte ein Rundgang durch die Altstadt auf den Spuren der Familie.

Michael Dimor schrieb ein Buch über seine Familie. Das Buch „ Im Edertal“, das er letztes Jahr veröffentlichte, erzählt die Geschichte einer jüdischen Familie, die lange in einer nichtjüdischen Gemeinde lebte. Seine Familie habe den Hintergrund geliefert, aber die Botschaft sei allgemeingültig. Daher habe er Orte und Personen auch umbenannt. Das 204 Seiten starke Buch gibt es in deutscher Übersetzung im Buchhandel oder als E-Book.

Bewegende Geschichte der Familie Kugelmann

Von Dr. Marion Lilienthal

Die Familie Kugelmann lebte seit dem 19. Jahrhundert in Korbach. Der Urgroßvater Michael Kugelmann (Handelsmann) erwarb 1879 in Korbach ein Haus in der Stechbahn 34 (heute abgerissen, Einmündung Enser Straße). Helene Kugelmann, geboren 1888 in Korbach, heiratete 1911 den Metzger Moritz Mildenberg, mit dem sie zunächst nach Vöhl ging. Nach der Trennung kehrte sie 1921 mit ihren beiden Kindern Ruth (geb. 1911) und Else (geb. 1914) nach Korbach zurück und zog in das Haus des Bruders Siegmund Kugelmann, der in der Lengefelder Straße 9 eine Metzgerei betrieb. Ruth und Else besuchten die Bürgerschule in Korbach (heute Westwallschule).

Ausgrenzung

Schrittweise ausgegrenzt, diskriminiert und ihrer wirtschaftlichen Grundlage beraubt, sahen sich immer mehr Juden genötigt, Korbach verlassen zu müssen, wie auch Siegmund Kugelmann, obgleich die Familie seit Generationen in Korbach lebte.

Emigration

1935 emigrierte Siegmund Kugelmann mit seiner Familie nach Argentinien. Vormals verkaufte Siegmund Kugelmann vor allem Fleisch- und Wurstwaren an Arbeiter und Angestellte der Continentalwerke. Nach Ausgrenzung jüdischer Geschäftsleute erlitt er bereits 1933 erhebliche wirtschaftliche Einbußen, die ihn 1935 zum Aufgeben zwang. Siegmund Kugelmann musste sein Hab und Gut zu einem Bruchteil des eigentlichen Wertes verkaufen.

Leopold Oppenheimer, Viehhändler aus Bad Wildungen, berichtete: „Ich erinnere mich, dass Herr Kugelmann mir damals ganz verzweifelt erzählte, wie man seine Kunden am Betreten seines Geschäftes gehindert und fotografiert hätte und dass man auch zu einer anderen Zeit den Arbeitern der Continentalwerke verboten hatte, bei ihm zu kaufen. Im Jahre 1935 wanderte Herr Kugelmann nach Argentinien aus, nachdem […] ihm die Erlaubnis zur Fortführung des Gewerbebetriebes entzogen worden war. Er hat dann seine ganze Einrichtung verkaufen müssen – und – wie er mir sagte – zu sehr billigen Preisen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass damals für die Möbel und Einrichtungen von Juden, die auswanderten, so gut wie nichts gezahlt wurde.“

Siegmunds Tochter Friederike wurde im Juli 1933 als Buchhalterin in Korbach gekündigt, weil sie Jüdin war. „Mitglieder der SS kamen ins Büro der Firma und verlangten die Entlassung“. Als Jüdin war es nahezu aussichtslos, eine neue Anstellung zu bekommen. Sie ging nach England.

Weil den Eltern keine Devisen für den Unterhalt der Tochter bewilligt wurden und sie durch die Wirtschaftskrise keine Arbeitsbewilligung erhielt, musste sie notgedrungen nach Deutschland zurückkehren. Sie konnte mit ihrem Vater und den beiden Geschwistern Clara, Friederike und Ernst nach Argentinien 1935 emigrieren

„Es war eine schwere Zeit“

Der Neuanfang war alles andere als leicht. Auf ein Leben in der Wildnis waren sie nicht vorbereitet. Sie kämpften um das blanke Überleben: „Es war eine schwere Zeit.“ Sie bekamen ein Stück Land mitten in der Wildnis, rodeten es und versuchten sich als Landwirte. Die Ernte fraßen die Heuschrecken. „Das schlimmste waren die Schlangen“. 1946 erhielt die Tochter Friederike die Möglichkeit, in die USA zu gehen. Später erhielt ihr Ehemann eine Anstellung im Pentagon. Die Tochter Ursula arbeitete für die amerikanische Regierung. Sie hatte Kontakt zu Präsident Nixon und Vizepräsident Agnew. Siegmund Kugelmann starb 1967 in Argentinien. Akten belegen, dass trotz erfolgten Unrechts Entschädigungszahlungen vorenthalten wurden.

Else Kugelmann

Else Kugelmann hatte es als Jüdin nicht leicht. Sie konnte aber im Gegensatz zu vielen anderen Korbacher Juden, Deutschland noch rechtzeitig verlassen. Der Sohn berichtete, dass die Mutter nie über ihr Leben in Korbach sprach. Er sagte: „Ich denke, es war für sie eine sehr traurige Erinnerung.“ Leichter fiel es ihr, über Erlebnisse des Vaters zu berichten, den die SA im März 1933 in Dortmund verhaftete und schwer misshandelte.

Else verschlug es 1928 mit der Tante Rebecca nach Dortmund – wo Else ihren späteren Ehemann kennenlernte. 1933 emigrierten beide nah Palästina, wo 1937 Michael Dimor zur Welt kam.

Nicht alle hatten Glück

Nur einem Teil der Familie war es möglich, auszuwandern und sich damit rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Helene Kugelmann und Elses Schwester Ruth teilten das tragische Schicksal Millionen anderer Juden. Sie wurden auf grausame Weise im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

Zuvor hatten sie noch versucht, sich in den Niederlanden in Sicherheit zu bringen, doch alles umsonst. Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen waren sie auch dort nicht mehr sicher. Beide kamen in das niederländische Lager Westerbork, das als zentrales Durchgangslager zur Deportation Niederländischer und sich dort aufhaltender deutscher Juden in andere Konzentrations- und Vernichtungslager diente.

Am 3. September 1943 wurde in Auschwitz eine Selektion durchgeführt, bei der mehrere hundert weibliche jüdische Häftlinge selektiert und anschließend vergast wurden. Unter ihnen Ruth Katzestein (geb. Kugelmann), die gerade einmal 31 Jahre alt war. Sie ereilte wenige Wochen später das gleiche Schicksal.

Die Überlebenden des Holocaust sind inzwischen im Alter von 80 bis 90 Jahren und haben das tragische Schicksal der Familie – die dem Vernichtungswahn nicht entrinnen konnte – miterlebt. Viele von ihnen haben nur durch Zufall überlebt und fühlen sich gegenüber den Millionen von Ermordeten verpflichtet, diesen Teil der deutschen Geschichte an die zukünftigen Generationen als Mahnung weiterzugeben.